Am 8. Juli 2026 war Sofie Møller im Rahmen eines Arbeitstreffens des Seminars GyGe des ZfsL Engelskirchen in Kronenburg per Videokonferenz zu Gast. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Aufklärung und Bildung unter den Bedingungen generativer KI neu gedacht werden müssen.
Ausgangspunkt war Kants berühmte Aufforderung, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Gerade diese Forderung gewinnt durch KI neue Aktualität: Generative Systeme machen es leicht, Denken, Formulieren und Urteilen auszulagern. Damit wächst die Gefahr, eigene Urteilskraft weniger zu nutzen und Verantwortung für Gedanken an technische Systeme abzugeben.
Besonders deutlich wurde im Vortrag die Bedeutung des öffentlichen Gebrauchs der Vernunft. Demokratische Bildung braucht Menschen, die Argumente nachvollziehbar begründen, Gegenpositionen aushalten und im Gespräch bleiben können. KI kann zwar Dialog und Argumentation überzeugend imitieren, übernimmt aber keine Verantwortung für ihre Aussagen und bleibt in ihren Entscheidungsprozessen weitgehend intransparent.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Unterscheidung zwischen Meinung und Wissen. KI-Systeme formulieren auch unsichere oder problematische Aussagen häufig in einer Form, die faktisch und autoritativ wirkt. Umso wichtiger werden Quellenkritik, begriffliche Genauigkeit und die Fähigkeit, Gründe und Evidenzen zu prüfen.
Møller machte außerdem deutlich, dass KI nicht nur individuelle Lernprozesse verändert, sondern auch Fragen von Macht und Gerechtigkeit berührt. Wenn Systeme vor allem dominante Deutungen und Mehrheitspositionen reproduzieren, können marginalisierte Perspektiven unsichtbarer werden. Gerade deshalb müsse Bildung den Zugang zu unterschiedlichen Begriffen, Erfahrungen und Denkweisen schützen.
Für Bildung besonders wichtig sind aus dieser Perspektive Werte wie Autonomie, Neugier, kritisches Denken, Quellenkritik, Argumentationsfähigkeit und das Aushalten von Nichtwissen. KI liefert schnelle Antworten – Bildung muss deshalb umso stärker Räume schaffen, in denen Fragen entstehen dürfen, Irritationen produktiv werden und eigenes Denken nicht durch Effizienzlogik ersetzt wird.
Aus ihrer Hochschullehre berichtete Møller, dass gerade Lesen, Schreiben, Diskutieren, Selbststrukturierung und wissenschaftliche Recherche unter Druck geraten können, wenn KI frühzeitig als Abkürzung eingesetzt wird. Ihre Konsequenz: Lern- und Prüfungsformate müssen bewusster danach unterscheiden, wann KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wann grundlegende Denk- und Urteilskompetenzen zunächst ohne KI entwickelt werden sollten.
Der vielleicht wichtigste Gedanke des Nachmittags lässt sich so zusammenfassen:
KI macht Aufklärung nicht überflüssig – sie macht sie dringlicher.
Gerade weil KI Denken, Sprache und Argumentation überzeugend imitieren kann, muss Bildung Fähigkeiten wie Selbstdenken, Urteilen, Zweifeln, Fragen, Lesen und demokratisches Streiten ausdrücklich schützen und fördern.
Für die Lehrkräfteausbildung ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: KI-Kompetenz bedeutet nicht nur, neue Werkzeuge bedienen zu können. Sie bedeutet vor allem, Ergebnisse prüfen, begründen, einordnen und auch zurückweisen zu können.
Ein guter Umgang mit KI beginnt deshalb nicht bei der Frage: Was kann die KI für mich erledigen?
Sondern bei der Frage: Was darf ich nicht verlernen, selbst zu tun?