Was wäre, wenn ein Unterrichtsbesuch keine kleine Prüfung wäre, sondern eine besonders intensive Gelegenheit zum professionellen Lernen?
Unterrichtsbesuche gehören zu den prägenden Elementen des Vorbereitungsdienstes. Sie bieten etwas, das in der Lehrkräfteausbildung keineswegs selbstverständlich ist: Eine angehende Lehrkraft plant Unterricht, führt ihn durch und kann anschließend gemeinsam mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen darüber nachdenken. Eigentlich sind das hervorragende Voraussetzungen für professionelles Lernen.
Und trotzdem werden Unterrichtsbesuche häufig anders erlebt.
Nicht selten entsteht schon Wochen vorher erheblicher Druck. Die Stunde soll besonders gut werden. Materialien werden aufwendig produziert, mögliche Schwierigkeiten möglichst ausgeschlossen, Abläufe bis ins Detail geplant. Im ungünstigsten Fall entsteht eine Unterrichtsstunde, die vor allem eines zeigen soll: Ich kann es.
Das ist verständlich. Schließlich findet die Lehrkräfteausbildung in einem Spannungsfeld zwischen Lernen und Bewerten statt.
Aber für das Lernen ist diese Haltung problematisch.
Denn wer vor allem zeigen möchte, was bereits gelingt, wird kaum das ausprobieren, was noch nicht sicher gelingt.
Genau hier setzt unser Konzept „Professionalisierung im Dialog“ an.
Unterrichtsbesuche sind keine kleinen Unterrichtspraktischen Prüfungen
Unser Ausgangspunkt ist zunächst eine einfache Unterscheidung: Eine Unterrichtspraktische Prüfung und ein Unterrichtsbesuch erfüllen nicht dieselbe Funktion.
In einer Prüfung muss zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Leistung gezeigt und bewertet werden. Während der Ausbildung dagegen sollte Entwicklung möglich sein.
Deshalb interessiert uns bei einem Unterrichtsbesuch nicht nur:
Wie gut war diese Stunde?
Viel interessanter sind Fragen wie:
Woran arbeitet die angehende Lehrkraft gerade? Was gelingt ihr bereits? Wo möchte sie sich weiterentwickeln? Welche neuen Handlungsmöglichkeiten möchte sie erproben? Und was könnte ihr nächster Entwicklungsschritt sein?
Damit verschiebt sich der Blick.
Der Unterricht bleibt wichtig. Aber er ist nicht mehr ausschließlich das Objekt, das anschließend möglichst genau analysiert wird. Er wird zum Erprobungsraum professionellen Handelns.
Lernen findet in der Zone der nächsten Entwicklung statt
Eine wichtige theoretische Orientierung bietet uns dabei ein alter Gedanke von Lev Vygotsky: Lernen findet insbesondere in der Zone der nächsten Entwicklung statt.
Für die Lehrkräfteausbildung ist dieser Gedanke ausgesprochen fruchtbar.
Wenn eine Lehramtsanwärterin etwas bereits sicher beherrscht, ist dort aktuell nur begrenzt Entwicklung notwendig. Ist eine Herausforderung dagegen noch völlig außerhalb ihrer gegenwärtigen Möglichkeiten, hilft auch eine ausführliche Rückmeldung wenig.
Spannend ist der Bereich dazwischen:
Was gelingt noch nicht ganz selbstständig, könnte aber mit Unterstützung zum nächsten professionellen Entwicklungsschritt werden?
Genau diesen Bereich möchten wir gemeinsam erschließen.
Das verändert auch die Rolle der Fachleitungen. Sie sind selbstverständlich weiterhin Expertinnen und Experten für guten Unterricht und für Fachdidaktik. Aber ihre Aufgabe erschöpft sich nicht darin, Unterricht zu beobachten, zu diagnostizieren und anschließend Verbesserungsvorschläge zu formulieren.
Sie werden zu Begleiterinnen und Begleitern von Professionalisierungsprozessen.
Von der Lernlandkarte zum konkreten Entwicklungsfokus
Damit individuelle Professionalisierung nicht nur ein schöner Anspruch bleibt, braucht sie Instrumente.
Wir arbeiten deshalb auf unterschiedlichen Ebenen.
Die Lernlandkarte eröffnet zunächst den weiten Blick. Mehrmals während der Ausbildung schätzen die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter ein, in welchen Bereichen ihres professionellen Handelns sie sich bereits gut aufgestellt fühlen, wo sie Entwicklungsbedarf sehen und welche Bereiche bislang vielleicht noch gar nicht in ihrem Blick waren.
Daraus können Entwicklungsaufgaben entstehen. Sie sind längerfristig angelegt und müssen keineswegs ausschließlich Unterricht betreffen.
Näher am konkreten Unterricht liegt das Fokus-Tableau. Hier formulieren die Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter ihre aktuellen Entwicklungsfoki, vorhandene Ressourcen und geplante Erprobungen.
Und genau dieses Tableau kann zum Bezugspunkt eines Unterrichtsbesuchs werden.
Damit verändert sich die Perspektive fundamental:
Wir betrachten nicht mehr zuerst die Stunde und suchen anschließend ihre Stärken und Schwächen. Wir wissen bereits vorher, woran die angehende Lehrkraft gerade arbeitet, und können den Unterricht auch aus dieser Perspektive beobachten.
Experimentierfreude statt Fehlervermeidung
Daraus folgt ein Ausbildungsgrundsatz, der uns besonders wichtig geworden ist:
Professionalisierung entsteht nicht durch Fehlervermeidung, sondern durch reflektierte Erprobung.
Wer lernt, muss Dinge ausprobieren dürfen.
Das klingt selbstverständlich. In Unterrichtsbesuchen ist es das keineswegs.
Wenn jeder Unterrichtsbesuch als kleine Prüfung wahrgenommen wird, entsteht eine geradezu paradoxe Situation: Ausgerechnet in einer Ausbildungssituation werden Risiken vermieden. Die angehende Lehrkraft zeigt lieber das, was sie schon beherrscht, statt sich an das heranzuwagen, was sie lernen möchte.
Wir möchten das umdrehen.
Ein Unterrichtsbesuch darf gerade die Gelegenheit sein, einen neuen Zugang zu erproben, eine ungewohnte Rolle einzunehmen oder an einer noch nicht gelösten professionellen Frage zu arbeiten.
Nicht das perfekte Produkt ist das Ziel.
Entwicklung ist das Ziel.
Unterricht planen – aber anders
Auch die Unterrichtsplanung verändert sich dadurch.
Eine schriftliche Planung muss für uns nicht zwangsläufig ein mehrseitiger kontinuierlicher Text sein. Gedanken lassen sich in Tabellen, Skizzen, Mindmaps, Diagrammen oder auch im Gespräch darstellen.
Entscheidend ist etwas anderes: professionelles Entscheiden sichtbar zu machen.
Welche Möglichkeiten gab es? Welche wurde gewählt? Warum? Welche Alternativen wurden verworfen? Welche Annahmen liegen der Entscheidung zugrunde?
Gerade hier eröffnet Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten.
Eine KI kann beispielsweise Informationen über die Lerngruppe, curriculare Vorgaben, fachdidaktische Literatur, Unterrichtsmaterialien und Erkenntnisse aus dem Fachseminar erhalten. Anschließend kann sie aufgefordert werden, mehrere wirklich unterschiedliche Möglichkeiten für eine Stunde vorzuschlagen.
Aber die KI entscheidet nicht.
Die angehende Lehrkraft muss beurteilen: Welche Idee passt zu meiner Lerngruppe? Welche zu meiner Unterrichtsreihe? Welche ist fachdidaktisch tragfähig? Welche passt zu meinem aktuellen Entwicklungsfokus?
Darauf kann der nächste Dialog mit der KI folgen.
So entsteht kein „KI-generierter Unterricht“, sondern ein zyklischer professioneller Planungsprozess, in dem KI als Denk- und Dialogpartner genutzt werden kann.
Die Vorbesprechung gehört bereits zum Unterrichtsbesuch
Auch deshalb beginnt für uns ein Unterrichtsbesuch nicht erst mit dem Klingeln zur Unterrichtsstunde.
Die Unterrichtsvorbesprechung ist bereits Teil des Lernprozesses.
Sie schafft einen Raum kooperativer Unterrichtsplanung. Die Lehramtsanwärterin oder der Lehramtsanwärter muss keinen fertigen Plan verteidigen. Stattdessen können gemeinsam Alternativen betrachtet, Entscheidungen diskutiert und noch bestehende Spannungsfelder sichtbar gemacht werden.
Nicht jedes dieser Spannungsfelder muss vor dem Unterricht aufgelöst werden.
Manchmal ist es viel interessanter zu sagen:
Das wissen wir noch nicht. Schauen wir im Unterricht genau hin.
Damit entsteht aus einer offenen Planungsfrage ein gemeinsamer Beobachtungsauftrag.
Und warum sollte während des Unterrichts nicht gesprochen werden dürfen?
Eine weitere kleine Veränderung kann helfen, den Prüfungscharakter von Unterrichtsbesuchen aufzubrechen: das Time-out.
Stellen wir uns vor, die Schülerinnen und Schüler arbeiten selbstständig. Die Lehramtsanwärterin bemerkt, dass ihr Zeitplan nicht aufgeht. Die geplante Sicherung scheint nicht mehr vollständig möglich.
Warum sollte sie jetzt nicht kurz zur Fachleitung gehen und fragen:
„Ich habe noch zehn Minuten. Was meinst du: Soll ich die Arbeitsphase abbrechen oder die Sicherung reduzieren?“
In einer Prüfung wäre eine solche Situation kaum denkbar.
In einer Lerngelegenheit schon.
Das Time-out ist deshalb eigentlich nur ein kleines Instrument. Aber es transportiert eine große Botschaft:
Hier sitzen nicht Prüfling und Prüfer einander gegenüber. Hier denken erwachsene Professionelle gemeinsam über möglichst guten Unterricht nach.
Nachbesprechung: Nicht die Stunde sezieren
Vielleicht zeigt sich der Perspektivwechsel am deutlichsten in der Unterrichtsnachbesprechung.
Natürlich sprechen wir über den Unterricht. Aber die zentrale Frage lautet nicht:
Was war alles gut und was hätte besser sein können?
Wir kehren vielmehr zu den vorher formulierten Entwicklungsfoki und Beobachtungsfragen zurück.
Was haben wir beobachtet? Was lässt sich daraus lernen? Welche Ressourcen sind sichtbar geworden? Welche neue Erkenntnis ist entstanden? Und welcher nächste Entwicklungsschritt ergibt sich daraus?
Am Ende steht deshalb unser Entwicklungsquadrat mit vier einfachen Perspektiven:
Mein Aha-Erlebnis – meine Verbesserungsmöglichkeiten – meine Ressourcen – mein nächster Schritt.
Und dieser nächste Schritt führt zurück in den Professionalisierungsprozess.
Lernlandkarte, Entwicklungsaufgaben, Fokus-Tableau, Planung, Unterrichtsbesuch und Entwicklungsquadrat sind damit keine voneinander unabhängigen Instrumente. Sie bilden einen Entwicklungszyklus.
Unterrichtsbesuche dürfen unterschiedlich aussehen
Zu einem solchen Verständnis gehört für uns inzwischen noch etwas anderes.
Wenn Unterrichtsbesuche Professionalisierung unterstützen sollen, warum sollten dann eigentlich immer dieselben Unterrichtsformate gezeigt werden?
Lehrerinnen und Lehrer gestalten nicht ausschließlich die klassische Unterrichtsstunde mit Einstieg, Erarbeitung und Sicherung. Sie beginnen Unterrichtsreihen, begleiten Projektphasen, bereiten Klassenarbeiten vor, geben Klausuren zurück, moderieren Präsentationen oder gestalten andere komplexe Lernarrangements.
Auch solche Unterrichtsformate können Gegenstand eines Unterrichtsbesuchs sein.
Entscheidend ist nicht, ob eine Stunde einer bestimmten Dramaturgie entspricht.
Entscheidend ist, welche professionellen Herausforderungen sie enthält und welche Entwicklung sie ermöglicht.
Unterrichtsbesuche dürfen nicht neben der Ausbildung stattfinden
Am Ende bleibt eine Herausforderung, an der wir selbst weiterarbeiten.
Unterrichtsbesuche dürfen keine Inseln innerhalb des Vorbereitungsdienstes sein.
Was dort gelernt wird, muss zurückfließen:
in die Schule, in die Zusammenarbeit mit Ausbildungsbeauftragten und Ausbildungslehrkräften, in professionelle Lerngemeinschaften, ins Fachseminar und ins Kernseminar.
Peer-Coaching kann beispielsweise schon vor einem Unterrichtsbesuch beginnen. Entwicklungsfragen können gemeinsam bearbeitet werden. Erkenntnisse aus Unterrichtsbesuchen können anschließend wieder in die professionelle Lerngemeinschaft oder das Fachseminar einfließen.
Dann entsteht aus einzelnen Unterrichtsbesuchen tatsächlich ein zusammenhängender Professionalisierungsprozess.
Professionalisierung im Dialog
Unser Konzept ist kein fertiges Modell. Vieles davon werden wir erproben, überprüfen und weiterentwickeln müssen.
Vielleicht passt genau das aber auch zum Konzept selbst.
Denn wenn wir von angehenden Lehrkräften erwarten, dass sie experimentieren, reflektieren und sich weiterentwickeln, sollte auch Lehrkräfteausbildung genau dazu bereit sein.
Der entscheidende Perspektivwechsel lässt sich für uns deshalb inzwischen recht einfach formulieren:
Ein Unterrichtsbesuch soll nicht vor allem zeigen, was eine angehende Lehrkraft bereits kann. Er soll ihr dabei helfen herauszufinden, was sie als Nächstes lernen kann.
Wenn das gelingt, verändert sich mehr als die Unterrichtsnachbesprechung.
Dann verändert sich die Kultur der Lehrkräfteausbildung.